Kinderlachen in Jordanien

55 Jugendliche aus verschiedenen Ländern der Welt haben im August 12 Tage in Jordanien verbracht. Sie kamen aus Europa, dem Nahen Osten, drei waren aus den USA, Argentinien und Neuseeland. Untergebracht waren sie in Unterkünften, in denen 6 Monate vorher noch mehr als 100 irakische Flüchtlinge gelebt hatten. Das Thema Flucht aus anderen Blickwinkeln kennen lernen, die Grenzen der eigenen Kultur und Lebensweise überschreiten und vorort Vorurteile abbauen, mediale Wege nutzen, um das Erlebte zu kommunizieren - das waren die Ziele des Projekts "Host-Spots", in dessen Rahmen dieser Autausch stattfand. Ein Teilnehmer berichtet.
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27.09.2016 / 11 Uhr
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Fotos: Zita Merenyi

"Als ich meine Sachen gepackt habe für den Flug nach Jordanien, da wusste ich nicht wirklich, was mich da erwarten würde. Rückblickend war das vermutlich das Beste, was ich hätte tun können: mir gar nichts erwarten. Sich nicht groß vorbereiten, um nicht schon mit Vorurteilen zu kommen: Über das Land, über die Menschen dort, über die Arbeit, die uns dort erwarten würde. Also bin ich nach Jordanien geflogen mit dem Wunsch, etwas über das Land zu erfahren, über die Flüchtlingskrise und über mich.

In Jordanien haben wir dann Flüchtlingsfamilien besucht. Wir waren in einem Kindergarten für Flüchtlingskinder, haben eine Wand und ein Basketball-Feld mit den Flüchtlingen zusammen bemalt. Wir haben ihre Geschichten gehört und die beeindruckende Arbeit der Caritas Jordanien für die Flüchtlinge kennen gelernt. Mit der Zeit haben wir nicht nur die Flüchtlinge immer besser kennen gelernt, sondern sind uns auch untereinander näher gekommen.

Ein wichtiges Element des Host-Spot-Programms ist für mich der Austausch unter Jugendlichen, die aus ganz unterschiedlichen Backgrounds zusammen kommen. An einem Tag war ich mit einem Jugendlichen aus dem Nahen Osten unterwegs, der auch als Teilnehmer am Projekt dabei war. Er hat mir erzählt, dass er viele negative Bilder über Europäer im Allgemeinen und Deutsche im Besonderen im Kopf gehabt hatte. Genauso, wie wir ein bestimmtes Bild über "den Osten" im Kopf haben. Aber dann hat er mir auch erzählt, dass er durch diesen Austausch, diese Gelegenheit, einander kennen zu lernen, viele seiner Vorurteile abgebaut habe. Er sagte, er sei überrascht, wie nett und empathisch wir seien. Und ich habe zugegeben, dass ich nicht viel wusste über die Konflikte in diesen Ländern, weil sie mein persönliches Leben bisher gar nicht berührt hatten.

Ich bin wirklich froh über die Gelegenheit, mehr über die Situation im Nahen Osten zu erfahren und auch die persönliche Lebenssituation der Menschen dort zu erleben. Medien spielen eine große Rolle, denn nicht jeder hat die Chance, selbst in den Nahen Osten zu reisen. Deshalb finde ich es so wichtig, dass wir selbst demokratisch aktiv werden sollten und beitragen, die Medien zu beeinflussen und zu prägen, speziell das Internet. Die Online-Welt ist voller Hass, Menschen starten Shitstorms oder Cyberbullying. Aber das Internet bietet auf der anderen Seite auch tolle Möglichkeiten, unsere Gedanken auszutauschen und in Verbindung miteinander zu sein.

Ich muss gestehen: Je mehr Zeit in Jordanien verging, umso frustierter wurde ich. Über die Situation und über mich selbst. Die Geschichten dieser Menschen zu hören und selbst gar nichts tun zu können, ist mir sehr nahe gegangen. Mir wurde klar, dass es reine Glücksache ist, in welchem Teil der Welt Du geboren wirst. Du hast keine Wahl. All diese unschuldigen Menschen leiden so sehr und unter anderen Umständen hätte ich das auch sein können. Und während all das geschieht, lebe ich mein kleines feines Leben in Deutschland und ändere nichts daran. Eines abends kam ich mit einem anderen Teilnehmer darüber ins Gespräch. Er sagte mir: "Wir müssen lernen, dass wir nicht hierher kommen, um diese Menschen zu retten. Aber wir können ihnen anbieten, zuzuhören, können ihnen ein warmherziges Lächeln schenken und versprechen, dass wir beitragen wollen, dass sich etwas verändert. Auch wenn das nur kleine Dinge sind."

Und das hat für mich die Erfahrung von Host Spot ausgemacht: Akzeptieren, dass ich nicht in der Position bin, diesen Konflikt zu lösen. Aber ich kann den Menschen erzählen, was ich gesehen, was ich gelernt und dort erlebt habe. Ich kann Kontakt aufnehmen zu Familienmitgliedern von Menschen, die ich dort kennen gelernt habe, weil sie in Deutschland leben und Hilfe brauchen. Ich kann meine Ohren und mein Herz öffnen für andere Menschen und zuhören. Ich kann etwas verändern, wenn ich bei mir anfange."

 

Hier gibt's einen kurzen Filmbeitrag über das Projekt in Jordanien, der im Rahmen des Nachrichtenmagazin "Collegamento CH" gesendet wurde: